Stadt Herrenberg
nichtoffener Realisierungswettbewerb mit Ideenteil, 2. Preis
mit mobildenker GmbH und Hummel | Kraus Stadtplaner PartG mbB
September 2029
STÄDTEBAULICH-FREIRAUMPLANERISCHES KONZEPT
Dorf erhalten und weiterentwickeln
Der städtebauliche Ansatz sieht einen weitgehenden Erhalt des Gebäudebestands und eine Ergänzung mit Gebäuden in den typischen Kubaturen, zwei Geschosse mit einem steilen Dach, vor. Das Dorf wächst damit zeitgemäß harmonisch weiter. Altes darf „weiterleben“, Neues darf kommen. Das Zusammenspiel von alten und neuen Gebäuden erhält einerseits den Charakter des Dorfes und bringt andererseits frischen Wind. Die Anordnung der ergänzten Baukörper bringt neue Qualitäten ins „alte Dorf“: hofartige Gebäudestellungen regen ein nachbarschaftliches Miteinander, anstatt Nebeneinander, an.
Bestand wertschätzen
Die ortsbildprägenden Gebäude im Realisierungsteil werden alle erhalten und sollen weiterhin genutzt werden. Damit wird die gewachsene Struktur erhalten und graue Energie genutzt. Einzig das Gebäude Schatten 1 wird zugunsten eines großzügigeren Platzes abgebrochen. Das Gebäude Kaffeeberg 6 kommt damit besser zur Geltung und wirkt mit seiner Giebelseite in den Platz hinein.
Der Dorfplatz – „Wohnzimmer“, Adresse und Identifikationsort
Mitten im Ort gibt es ein kleines Juwel, das sich im Dornröschenschlaf befindet und nur darauf wartet, wachgeküsst zu werden. Wo heute Stellplätze und Pkws das Ortsbild prägen, soll ein neuer Ort entstehen, wo das Herz Affstätts schlägt. Ein Treffpunkt für die Bürger:innen, ein Ort für Feste und ein „Wohnzimmer“ für alle Altersgruppen.
Neues Leben im Ort
Affstätt soll ein belebter Ort werden, in dem Menschen generationenübergreifend leben und sich begegnen. Rund um den neuen Platz werden belebende Nutzungen angeboten: Gasthaus mit neuer Terrasse, eine Fest- und Marktscheune, ein Dorfladen mit Café und „Wohnzimmer“ sowie eine Verwaltungsstelle und Multifunktionsraum.
Wohnraum für alle Lebenslagen
Dörfer „leiden“ oft daran, dass es nur eine geringe Wohnraumvielfalt gibt. Sowohl im Bestand als auch in den Neubauten entsteht deshalb Wohnraum für alle Lebenslagen: jung, alleinstehend, alleinerziehend, betagt, mit Familie, in einer Wohngemeinschaft. Die Nachbarschaft wird vielfältig und lebendig und jeder findet sein Wohnmodell.
Die Ortsdurchfahrt - mehr als nur Straße
Die Umwidmung der Ortsdurchfahrt zur Gemeindestraße und die Geschwindigkeitsreduzierung auf 30 bzw. 20 km/h eröffnen die Chance, ihre Gestaltung neu zu denken und in das freiraumplanerische Gesamtkonzept einzubinden. Sie wird Teil des Belagsteppichs und erhält mit Straßenverengungen und Bäumen und Pflanzbeeten ein Gesamtbild, das sich als roter Faden durch die gesamte Ortsmitte zieht.
GESAMTKONZEPT - modern, vernetzt, verwurzelt
Die umfassende Betrachtung all dieser Aspekte resultiert in einer ganzheitlichen Lösung, die eine nachhaltige und lebenswerte Perspektive für Affstätt aufzeigt: zeitgemäßes Wohnen, nachhaltiger Umgang mit gebautem Raum und ein starkes soziales Gefüge.
FREIRAUMGESTALTUNG
Nutzungskonzept – neue Lieblingsorte
Die städtebauliche Neuordnung mit ihren Neubauten und Gebäudesanierungen zeichnet sich auch im Freiraum durch vielfältige neue Räume ab. So entstehen neue Freiflächen oder es werden bestehende Freiflächen neu genutzt und in ihrer Aufenthaltsqualität gestärkt. Im Zentrum steht der Ortskern um das alte Bezirksrathaus: durch die Reduzierung und Verlagerung des ruhenden Verkehrs werden Potenziale frei, die nun allen Affstätter Bürger:innen zu Gute kommen. Es entsteht eine neue Mitte, ein „Wohnzimmer“ für alle, wo schattenspendende Bäume, neue Möblierung und ein Wasserspiel zum Verweilen oder zum Besuch der Terrasse der Dorf-Gaststätte einladen. Das am Platz positionierte Dorfzimmer, ein multifunktionaler Raum, bespielt ebenfalls die Platzfläche mit einer Terrasse, wo sich auch die Senior:innen aus dem Obergeschoss zum Ratschen und Beobachten treffen. Und auch die Feiern und Märkte kommen nicht zu kurz und erhalten mit der Festscheuer und der Dorfbühne neue Möglichkeiten der Raumnutzung. Die beiden Bushaltestellen liegen nach wie vor östlich und westlich des Platzes, werden barrierefrei als Kaphaltestelle ausgebaut und um Witterungsschutz mit ortsprägendem Satteldach ergänzt.
Südlich des neuen Dorfplatzes entsteht ein neues Wohnquartier mit Gemüsegarten, Streuobstwiese und Spielplatz für alle. Die neue öffentliche Durchwegung verbindet Platz, Kirche und den künftigen Dorfgarten mit Ruhe- und Spiel-/Sportbereichen östlich der Mühlstraße. Der Kirchgarten wird aufgewertet und um einen Pavillon ergänzt, welcher für Hochzeitsempfänge oder Gottesdienste im Freien genutzt werden kann. Der Eingang am Gemeindehaus wird neu geordnet und barrierefrei gestaltet. Nebendran entsteht Raum für junges Wohnen mit den zugehörigen Freiflächen, ebenso wird nördlich der Kuppinger Straße im hinteren Grundstück nachverdichtet. Die dort vorhandene mächtige Walnuss wird erhalten und verspricht eine einzigartige Atmosphäre für die Bewohner:innen. Folgt man der Kuppinger Straße bis zum Kaffeeberg und weiter südlich, sticht die Neugestaltung der Straße ins Auge. Der einheitliche Belag bindet beide Straßenseiten zusammen. In regelmäßigen Abständen erlauben Straßenverengungen die Pflanzung eines großen Straßenbaumes mit artenreicher Unterpflanzung und einer kleinen Pausenbank für Senior:innen. So entsteht eine rhythmisierende Ordnung, die durch den Ort führt. Am Backhaus entsteht eine kleine, in Grün eingebettet Nische als Treffpunkt oder als Pausenplatz für vorbeifahrende Radfahrer:innen. Weiter südlich passiert man den neugestalteten Wohnhof (Ideenteil E) und gelangt dann, vorbei an der südlichen Bushaltestelle zum neuen Dorfgarten. Die Bestandssituation zeichnet sich durch ländlichen Charme und dörfliche Gelassenheit aus. Genau dieses Bild soll erhalten werden und so entsteht hier ein weiterer öffentlicher Ort, als Treffpunkt, Sport- und Spielfläche im Kontext des hier neu geschaffenen Jugendzentrums mit angrenzender Fitnessscheune. Das Bild der Streuobstwiese prägt auch das südlich angrenzende neue Wohnquartier. Von hier führt die Wegeverbindung über die Enzianstraße zurück zum Dorfplatz.
Nachhaltigkeitskonzept – klimaangepasst und biodivers
Im Kontext der Klimawandelfolgen ist es auch im ländlichen Raum unerlässlich, angemessene Maßnahmen zu ergreifen, um lebenswerte, zukunftsfähige und damit biodiverse Orte für Menschen zu schaffen. Der Entwurf bietet eine Toolbox unterschiedlichster Maßnahmen, die in ihrer Summe zu einer Aufwertung der Gegebenheiten beitragen: z.B. punktuelle Entsiegelung und Begrünung; artenreiche Staudenpflanzungen und Wiesen; schattenspendende und klimaangepasste Bäume; Fassadenbegrünung an der Parkscheune; Pflasterflächen, wo möglich in ungebundener Bauweise mit offenen Fugen; Retentionsflächen für temporären Regenwasserrückhalt und Verdunstung; Zisternen zur Gartenbewässerung; Regenrückhaltebecken im Platzbereich.
Materialkonzept – regional und ortsbildprägend
Die neue Ortsmitte soll durch die Umsetzung eines einheitlichen Belagsteppichs ablesbar werden. Dadurch wird nicht nur die Aufenthaltsqualität erhöht, sondern auch klar kommuniziert, dass es sich um einen verkehrsberuhigten Bereich mit Tempo 20 bzw. 30 handelt. Aufgrund der Belastung von Teilflächen durch Busse (Scher- und Schubkräfte im Kurvenbereich und an den Haltestellen), wird in Teilabschnitten eine teilgebundene Bauweise gewählt. Alle anderen Pflasterflächen werden ungebunden verlegt. Es wird auch die Verwendung von regionalem Steinmaterial geachtet, denkbar ist jedoch auch die Beimischung von recycelten Pflastersteinen aus Granit. Dies ist jedoch abhängig von der Verfügbarkeit und Beschaffenheit der Steine. Im Sinne der Barrierefreiheit werden allseits gesägte Steine verwendet, um ein enges Fugenbild und eine ebene Oberfläche zu gewährleisten. Der gewählte Pflasterverband (Wilder Verband mit unterschiedlichen Steingrößen) ist dem dörflichen Charakter angemessen und kennzeichnet die Wege- und Platzflächen, sowie die Fahrbahnverengungen. In der Fahrbahn selbst wechselt der Verband zu einem modifizierten Fischgrätverband, um lange durchlaufende Fugen zu vermeiden und Scherkräften weniger Angriffsfläche zu bieten (im Vergleich zum Reihenverband). Stufen und Einfassungen sind aus dem gleichen Steinmaterial. Die Ausstattungselemente sind zurückhaltend in ihrer Formensprache und werden auf den historischen Bestand abgestimmt, sind jedoch eigenständig und ortsbildprägend. Das Wasserspiel besteht aus bodengleichen Düsentöpfen ohne Wasserbecken, eingelassen in einen gebunden verlegten Pflasterbelag, sodass bei Bedarf die Fläche anderweitig bespielt werden kann.
Feste und Feiern
Die Neugestaltung erlaubt die Verortung der notwendigen Stellflächen für Feste und Märkte. Als großes Potenzial wird die künftige Festscheuer an der Kuppinger Straße gesehen, welche die Funktion des Festzeltes übernehmen kann und auch beim Weihnachtsmarkt einen witterungsgeschützten Freiraum bietet.
Umsetzung ohne Ideenteil
Die Umgestaltung zum Dorfplatz lässt sich räumlich auch ohne die Ideenteile umsetzen – wenngleich hier die Chance verloren geht, den Ort mithilfe neuer Nutzungen zu beleben und zu bespielen. Das gezeigte Szenario schlägt eine Baumreihe als südliche Platzkante vor. Die Zufahrt zu dem daran anschließenden Grundstück (Baufeld C) ist weiterhin über den Platz möglich. Ebenso kann der an der Kuppinger Straße gelegene Schuppen angefahren werden.
VERKEHRSKONZEPT
Die Verkehrsplanung hat verschiedene Anforderungen zu berücksichtigen, die teilweise in direkter Flächen- und Nutzungskonkurrenz stehen:
- Linienverkehr
- Hauptachse des Radverkehrs und damit verbunden geforderte Sicherung
- Verbreiterung der Gehwege und Verbesserung der Querbarkeit für Fußgänger:innen
- Geschwindigkeitsreduktion
- kein Vorrangnetz für den Kfz-Verkehr und damit einhergehende Abstufung zur Gemeindestraße.
Daher ist ein Abwägungsprozess erforderlich, bei dem Verkehrssicherheit und städtebauliche Aufwertung Vorrang vor der Flüssigkeit des Kfz-Verkehrs haben, unter Berücksichtigung der Anforderungen des Linienverkehrs.
Die Fahrbahnbreite wird auf das notwendige Minimum reduziert, sodass sich zwei Busse bei angepasster Geschwindigkeit begegnen können. Die gewonnenen Flächen werden vollständig den Gehwegen zugeschlagen. Dadurch können Regelbreiten von 2,50 m erreicht und damit komfortable sowie sichere Bedingungen für den Fußverkehr und den Radverkehr von Kindern geschaffen werden.
Schutzstreifen gemäß Radverkehrskonzept sind aufgrund der Fahrbahnbreite nicht mehr umsetzbar und bei zulässigen Geschwindigkeiten von maximal 30 km/h auch nicht erforderlich. Der Radverkehr wird im Mischverkehr auf der Fahrbahn geführt. Für unsichere Radfahrende wird die Stärkung des Radverkehrs im Nebennetz mit einer rückseitigen Anbindung des Ortskern empfohlen.
Eine weiche Separation mit gestalterischer Bevorrechtigung der Hauptstraße unterstützt den Linienverkehr und erhöht die Sicherheit des Fußverkehrs in den Einmündungsbereichen.
Die Engstellen dienen der Geschwindigkeitsdämpfung und der punktuellen Sicherung von Querungsstellen. Das niedrige Geschwindigkeitsniveau, die schmalere Fahrbahn und die weiche Separation verbessern zugleich die Querbarkeit entlang der gesamten Strecke. Die Engstellen sind in einem ausreichenden Abstand platziert und berücksichtigen damit die Belange des Linienverkehr und das Verkehrsaufkommen.
Im Ortskern und im dortigen Kurvenbereich ist eine unsymmetrische Gestaltung mit einer harten Separation vorgesehen, um das Befahren der Gehwegbereiche zu verhindern und den Fußverkehr entlang der schmaleren Seite zu schützen. Der nördliche Gehweg wird zur besseren Anbindung der Nebenstraßen betont. Fußverkehr von der Südseite wird über den Platz geführt.
Auf die Anlage von Parkständen im Straßenraum wird verzichtet. Das Parken am bleibt im Rahmen der StVO möglich. Ziel ist eine maximal mögliche Flexibilität bei der Nutzung freier Flächen. Entlang der Hauptachse empfehlen wir, das Parken am Fahrbahnrand mindestens im Ortskern straßenverkehrsrechtlich zu unterbinden. Ziel ist es die Verbesserungen für den Fußverkehr, die Sicherheit des Radverkehrs sowie die Flüssigkeit des Linienverkehrs nicht durch den ruhenden Verkehr zu beeinträchtigen. Nach Möglichkeit sollte der ruhende Verkehr auf die Nebenstraßen sowie die baulich hergestellten Parkstände verteilt werden.