NEUGESTALTUNG DES BAHNHOFSVORPLATZES TAUFKIRCHEN


Gemeinde Taufkirchen
nichtoffener freiraumplanerischer Realisierungswettbewerb mit städtebaulichem Ideenteil, Teilnahme
mit Städtebaumanufaktur

Mai 2025


FREIRAUMKONZEPT – vom Verkehrsplatz zum neuen Treffpunkt Taufkirchens

Der Bahnhofsvorplatz Taufkirchens ist heute geprägt von Verkehr. Aufgrund der durchgängigen Versiegelung und der fehlenden Aufenthaltsqualität wird er seiner Rolle als Ankunftsort nicht gerecht. Jedoch weist die Fläche mit den drei historischen Gebäuden sowie den im Umfeld geplanten städtebaulichen Entwicklungen das große Potential auf, zu einem ökologisch und sozial nachhaltigen Identifikationsraum für die Bewohner:innen und Besucher:innen Taufkirchens zu werden.

Mithilfe einer sensiblen Reaktion auf den baulichen Bestand gliedert der Entwurf den linearen Raum in mehrere Teilräume, die künftig unterschiedliche Funktionen übernehmen und vielfältige Nutzungsmöglichkeiten bieten:

Nähert man sich von Osten über die Bahnhofstraße dem Areal, so begrüßt schon von weitem die sanierte Fassade des denkmalgeschützten Bahnhofsgebäudes. Bewusst wurde hier bei der Neupositionierung der Bäume ein Sichtfenster freigehalten. Der Platz bietet hier eine Terrasse für die Gastwirtschaft, die sich zur Straße hin mit einem großzügigen Staudenbeet abschirmt. Ein in die Belagsfläche integriertes Wasserspiel verspricht Kühlung an heißen Tagen und lenkt vom Verkehrslärm ab. Die beiden Bestandsbäume werden erhalten und der Belag im Kronenbereich weiter entsiegelt. Im Übergang von Terrasse zu Kiosk befindet sich eine großzügige Zuwegung zum Bahnsteig. Dem Kiosk wird ein Belags-Teppich, bestückt mit einem großen Sitzmöbel und einigen schirmförmigen, mehrstämmigen Gehölzen vorgelagert, der zum nicht-kommerziellen Aufenthalt einlädt und gleichzeitig dem kleinen Gebäude einen eigenen Freiraum zugesteht.

Im Anschluss gelangt man, der Promenade unter einer Lindenreihe folgend, zum Herzstück des Bahnhofsplatzes, der grünen Lounge. Diese spannt sich zwischen dem südlichen und dem nördlichen Platz auf und vermittelt zwischen den beiden Bereichen. Die im Hintergrund vorhandene Fahrradparkanlage wird erhalten und mit einer Verblendung entlang ihrer Ostseite versehen. Zusammen mit dem transparenten Paravent entlang der grünen Lounge entsteht ein räumliches Element, welches einen farbigen Akzent setzt und auch nachts mit atmosphärischer Beleuchtung einen freundlichen Ort generiert. Ergänzt wird der Paravent um eine Stützenkonstruktion, an welcher Hollywood-Schaukeln verankert werden, welche zum Verweilen in der grünen Lounge einladen. Die Grünfläche ist leicht abgesenkt und über wenige Stufen erreichbar. Eine Rasenfläche, umgeben von einer artenreichen Staudenmischpflanzung erlaubt an trockenen Tagen das Sitzen und Spielen, während die Fläche an Regentagen zum temporären Rückstau von Regenwasser der umliegenden Belagsflächen genutzt werden kann. Ergänzt wird die Fläche um einige schattenspendende japanische Schnurbäume.

Im weiteren Verlauf befindet sich die zweite großzügige Zuwegung zum Bahnsteig. Im Bereich des Generationentreffpunktes im nördlichen Bestandsgebäude entsteht eine barrierefreie Rampe zu dessen westseitigen Eingang und auf den Bahnsteig. Die hier verortete MVG-Radstation wird an die Nordseite verlagert und macht Platz für eine grüne Insel mit Baumpflanzung, welche das Gebäude und den Zugang zum Bahnsteig rahmt. Vor dem kleinen Gebäude befindet sich ein weiterer Belags-Teppich, dessen großer Tisch für gemeinschaftsfördernde Veranstaltungen und Aktionen genutzt werden kann. Ihm zugeordnet befindet sich analog zum südlichen Platz ein kleines Wasserspiel. Die großen markanten Sitzmöbel an den beiden Plätzen werden mit einer dezenten Effektbeleuchtung inszeniert und schaffen auch in den Abendstunden einen freundlichen und angstfreien Raum, der gerne genutzt wird. Der nördliche Platz wird räumlich durch einen neuen Baukörper aufgefangen, der Raum bietet für eine weitere öffentlichkeitswirksame Nutzung, die die vorgelagerte Terrasse bespielen wird.

Vorbei an dem Kopfbau des neuen Baukörpers, gelangt man zu den überdachten Bushaltestellen im EG des neuen Parkhauses. Hier entsteht mit der ans Parkhaus angebundenen Fußgängerbrücke ein neuer Dreh- und Angelpunkt mit Verbindung auf die Bahnsteige und über die Gleise hinweg zum Mobility Hub auf der Westseite der Gleise. Weiterhin wird hier eine Fahrradparkanlage angeboten, sowie ein Kiosk mit Wartebereich. Eine Calisthenics-Anlage bespielt die freie Fläche und bietet, geschützt von Wind und Wetter eine weitere Freiraumnutzung, welche die Fläche – unabhängig von der Frequentierung durch Pendler und Reisende – bespielt und erlebbar macht. Das neue multifunktionale Gebäude präsentiert sich seinen Nachbarn im Osten mit einer grünen Fuge und fügt sich so trotz seines großen Volumens verträglich in den Kontext ein. Die beiden nördlichen Baukörper schaffen im Osten eine hofartige Vorzone während sie in den Zwischenräumen und zur Bahn hin in ein grünes Band aus Retentions- und Biodiversitätsflächen eingebettet werden.

INTERIMSLÖSUNG

Die Umsetzung der geschilderten Freiraumgestaltung erfolgt in zwei Phasen. In Phase1 stehen die Grundstücke des Realisierungsteils und damit die Fortführung der Bahnhofstraße nach Norden nicht zur Verfügung. Aus diesem Grund wird eine temporäre Haltestellenlösung, die aufgrund des großen Wenderadius nur im nördlichen Realisierungsteil umsetzbar ist, vorgeschlagen. Somit kann bereits in Phase 1 der südliche Platz und ein Teilbereich des grünen Zimmers hergestellt werden und das Areal frühzeitig einer Aufwertung unterzogen werden. Die Wendeschleife findet auf der vorhandenen Asphaltfläche statt. Für den barrierefreien Einstieg wird eine temporäre rückbaubare Haltestelle installiert. Die angrenzenden Flächen werden mit
einfachen Mitteln aufgewertet, die zum Teil in der zweiten Phase wieder zum Einsatz kommen können: Pflanztröge mit kleinen Bäumen und Sitzmöbel auf Asphaltflächen mit Farbanstrich deinen als Initialzündung für den nördlichen Platz.

VERKEHR UND ERSCHLIESSUNG

• Fußgänger: durch die Ergänzung von Aufzügen, Rampen, Treppen, einer Fußgängerbrücke und eines taktilen Leitsystems werden die Verbindungen zwischen den bestehenden und neuen Funktionsbereichen optimiert.
• Ein barrierefreier Ausbau der bestehenden Fußwegeverbindung zur Unterführung ist aufgrund der erforderlichen Rampenlänge nicht möglich. Alternativ wird ein Aufzug neben der bestehenden Treppe am Tunneleingang vorgeschlagen, über welchen man auf kurzem Weg Zugang zum Bahnsteig erhält.
• Fahrradfahrer werden im Mischverkehr geführt, Übergänge zu den Fahrradparkanlagen und zur Unterführung werden deutlich gemacht und die Orientierung erhöht. Die bestehende Fahrradparkanlage (240 SP) wird gestalterisch integriert und durch eine zweite Parkanlage (62 SP) an den Bushaltestellen ergänzt.
• Die geforderte Müllsammelstelle wird nördlich des Kiosks verortet. Hierfür wird ein Paket Fahrradparker (16 Stellplätze) an das Bahnhofsgebäude verlagert.
• Die Bushaltestelle wird als Interimslösung im nördlichen Realisierungsteil verortet, in der zweiten Phase erfolgt dann die Verlegung in das EG des neuen Parkhauses.
• MIV und ruhender Verkehr: entlang der Bahnhofstraße werden zwei Behindertenstellplätze als Senkrechtparker, sowie 4 Kiss & Ride- und 2 Taxi-Stellplätze als Parallelparker angeboten. Das Parkhaus bietet 184 Stellplätze. Die Stellplätze für die Nutzungen der nördlichen Baukörper werden teils in der Tiefgarage, teils im Parkhaus nachgewiesen.
• Für Rettung und Feuerwehr werden zwei Zonen innerhalb des Realisierungsteils von Einbauten freigehalten und können als Aufstellfläche genutzt werden.

NACHHALTIGKEIT UND KLIMAANPASSUNG

• Entsiegelung von Flächen und Begrünung mit klimaangepasster und artenreicher Vegetation
• Schaffung von Retentions- und Rückhalteflächen bei Regenereignissen
• natürliche Verschattung durch Bäume
• Integration von Wasserspielen zur Kühlung in Hitzeperioden
• Ausweisung von Flächen für Dachbegrünung, Retentionsdächer und Fassadenbegrünung
• Soziale Nachhaltigkeit: Schaffung von Treffpunkten, Aufenthalts- und Kommunikationsorten

STÄDTEBAU

Die städtebauliche Entwicklung des Ideenteils gliedert sich in drei räumliche Abschnitte.

Abschnitt 1 schließt unmittelbar an den Bahnhofsplatz an, der durch ein fünfgeschossiges Gebäude gefasst und akzentuiert wird. Der dort vorgesehene Hochpunkt erhält durch die Integration einer öffentlichkeitswirksamen Nutzung, wie z.B. einer Gemeindebibliothek oder Musikschule eine besondere Belebung. Direkt an das Gebäude anschließend, wird rückwärtig ein viergeschossiges Parkhaus – der sogenannte Mobility Hub – angeordnet. Das vier Meter hohe Erdgeschoss bündelt unterschiedliche Formen nachhaltiger Mobilität. Neben zwei Bushaltestellen der Linien 225 und 224 werden hier auch Fahrradstellplätze untergebracht. Ergänzt wird das Angebot durch einen Kiosk sowie einen Technikraum. In den darüberliegenden Geschossen sowie auf dem Dach des Parkhauses können insgesamt 184 Stellplätze nachgewiesen werden. Durch einen Rücksprung der östlichen Fassade im Bereich der Parkebenen entsteht eine grüne Fuge: mit Kletterpflanzen berankt zeigt sich das Parkhaus somit als vertikales Grün seiner Nachbarschaft. Die Dachflächen des Kopfbaus und der Spindeln werden extensiv begrünt.

Die Abschnitte 2 und 3 beinhalten zwei nördlich des Parkhauses gelegene Gebäudegruppen, die sich jeweils aus zwei Punktgebäuden und einer verbindenden Zeile zusammensetzen. Diese Anordnung ermöglicht die Entstehung lärmabgeschirmter, gemeinschaftlich nutzbarer Höfe. Der im Innenhof gelegene Laubengang dient dabei nicht nur der Erschließung der Gebäude, sondern auch als Aufenthalts- und Begegnungsfläche. Die Gebäudehöhen variieren zwischen zwei und vier Geschossen, sodass sich die Bebauung behutsam in den umliegenden städtebaulichen Kontext einfügt. Die verbindenden Zeilen mit geringerer Geschossigkeit bieten zudem Potenzial für gemeinschaftlich nutzbare Dachgärten. Die Erdgeschosse sind dank eines flexiblen Stützenrasters vielseitig nutzbar und ermöglichen unterschiedliche gewerbliche Nutzungen. In den oberen Geschossen werden – im Sinne des im Flächennutzungsplan dargestellten Mischgebiets (MI) – Wohnungen in unterschiedlichen Größen angeboten. Ergänzend stehen in der unter den Gebäudegruppen liegenden Tiefgarage weitere 59 Stellplätze zur Verfügung.

Im Realisierungsteil ist vorgesehen, die bestehende Gastronomie im Erdgeschoss des Bahnhofsgebäudes zu erhalten. Die oberen Geschosse sollen künftig multifunktionale Räume für Vereine, kulturelle Aktivitäten und andere gemeinschaftliche Nutzungen beherbergen. Das südliche Nebengebäude wird für einen kleinen Laden vorgesehen, während das nördliche Nebengebäude gemeinschaftlichen Zwecken dient, beispielsweise als Treffpunkt für Jugendliche oder Senioren.