NEUGESTALTUNG DER FUSSGÄNGERZONE IN OBERSTAUFEN


Markt Oberstaufen
Mehrfachbeauftragung, 3. Platz

Mai 2025


GRÜNE AKUPUNKTUR

Neugestaltung von Straßen und Plätzen im Zentrum des Marktes Oberstaufen

Leitidee

Durch die städtebauliche Setzung der Bestandsgebäude ist eine spannende Abfolge von engen und weiten Räumen entstanden. Die Vor- und Rücksprünge der Fassaden leiten den Flanierenden stets zwischen den beidseitigen Raumkanten hin und her. Dieses Spiel greift der freiraumplanerische Entwurf auf und schafft eine Abfolge von definierten Platzbereichen und verbindenden Passagen. Dabei reagiert er auf Erscheinungsbild und Qualität der angrenzenden Fassaden und rahmt diese bewusst oder lässt sie in den Hintergrund treten. Zudem schenkt er ihnen mithilfe subtiler topografischer Eingriffe ebene Vorzonen und Eingangsbereiche.

Gestaltungskonzept

Als Auftakt im Osten schlägt der Entwurf die Etablierung eines ersten Platzes vor, der durch subtile topografische Kanten sich zu Gehweg und Straße hin abhebt, der Lässerplatz. Wesentliches Gestaltungsmerkmal ist die Farbgebung des Pflasters sowie der Lässerbrunnen und schattenspendende Bäume. Da dieser Bereich weitestgehend außerhalb des Bearbeitungsbereiches liegt, handelt es sich lediglich um eine ergänzende Empfehlung, würde aber das Freiraumkonzept stärken und um einen weiteren Platz ergänzen. Entlang der Südfassade der Kirche verläuft die neue Passage, die derzeit überwiegend geprägt ist von der unansehnlichen und monotonen Fassade des Anbaus am Hotel Löwen. Eine Entsiegelung der großen Pflasterfläche schafft Raum für frisches Grün und natürliche Verschattung durch Bäume. Der Pflanzstreifen an der Kirchenfassade wird entfernt und verschafft so dem Sockel des stattlichen Sakralbaus die notwendige „Luft“. So kann sie nun von der gegenüberliegenden Seite, unter Bäumen verweilend, wahrgenommen und bewundert werden. Der einstige Durchgangsraum wird zum Aufenthaltsort und zur grünen Oase inmitten der steinernen Innenstadt und nimmt damit Bezug auf das einst historisch vorhandene Grün um die Kirche. Die neue Grünfläche mit artenreicher Staudenpflanzung und mehrstämmigen Bäumen wird nach hinten räumlich durch eine Hecke begrenzt, welche als eine Art Paravent die leblos wirkende Holzfassade in den Hintergrund rücken lässt. Für den einstigen Zugang zum Hotel-Anbau gibt es verschiedene denkbare Szenarien: a) der auf Gemeindegrundstück liegende Vorbau wird rückgebaut und die Eingangstür nach hinten versetzt, b) der Vorbau wird erhalten, die Hecke schiebt sich jedoch vor die ungenutzte Eingangstür und c) bei einer Sanierung des Anbaus und Reaktivierung des Eingangs kann in der Grünfläche eine direkte Zuwegung zum Gebäude erstellt werden, welche jedoch derzeit den Vorbau nur unnötig in Szene setzen würde.

Dem historischen Hauptgebäude des Hotels wird hingegen in dem baulichen Dreiklang aus Kirche, Restaurant Adler und Hotel eine besondere Bedeutung eingeräumt. Das Gebäude erhält mithilfe von einer Stufenanlage eine ebene Vorzone, die mit Sitzmöbeln ausgestattet, zum Verweilen einlädt. Auch der Eingangsbereich vor dem Portal der Kirche, derzeit stark nach Norden abfallend, wird begradigt. Dazu fangen Stufen in Verlängerung der Nordfassade die Topografie zur Hugo-von-Königsegg-Straße ab. Entlang der Nordfassade wird durch eine Rampe mit maximal 6% Steigung, Zwischenpodesten und Handlauf der barrierefreie Zugang vor das Hauptportal ermöglicht. Zwar ist dieser Bereich nicht Bestandteil der Planungsaufgabe, erscheint jedoch schlüssig, möchte man der Kirche eine ebene Vorzone zuordnen.

Der Kirchplatz um den Adlerbrunnen erfährt eine Aufwertung, indem die Stufen neu angeordnet und damit der Brunnen losgelöst auf den Platz gestellt wird. Neuer Pflasterbelag und ein großes „Stadt-Sofa“ ergänzen die vorhandene Restaurant-Bestuhlung und lassen somit auch den nicht-kommerziellen Aufenthalt zu. Südlich des Platzes werden die bestehende Grünfläche und der große Bestandsbaum erhalten. Außerhalb der Kronentraufe wird die Topografie geebnet und nach Süden hin über Sitzstufen abgefangen. So entsteht einerseits eine ebene Aufstellfläche für das „Älple“, andererseits ein weiterer Verweilort im Grünen unter neuen Bäumen. Weiter nach Westen folgt eine räumliche Verengung und steinerne Passage ehe sich der Raum wieder zum Rathausplatz aufweitet. Rechterhand wird die Nische höhenmäßig über Stufen und eine kurze Rampe in das Gestaltungsbild eingefügt. Der Rathausplatz selbst spricht die gleiche Sprache, wie die beiden anderen Plätze. Ein umlaufendes Plattenband kennzeichnet die hellere Intarsie, die wiederum bestückt wird mit einem Platzbaum, einem großzügigen Sitzmöbel und einem Brunnen - diesmal als belagsbündiges Wasserspiel, dessen Fläche bei Veranstaltungen auch anderweitig bespielt werden kann. Der untere Rathausplatz stellt den Übergang zur nördlich angrenzenden Grünfläche her und wird über eine neue und großzügige Stufen- und Rampenanlage erreicht. Die Fahrradparkanlage wird gestalterisch eingebunden und aus dem Blickfeld an die Seite gerückt. So kann von der Grünfläche kommend oder im Schatten des Platzbaumes sitzend, fortan die schöne Fassade der Schlossstraße 3 wahrgenommen werden, vor welchem sich der neue Rathausplatz erstreckt.

Materialkonzept

Die Belagsflächen orientieren sich in Farbgebung und Material an den bestehenden Pflasterflächen Oberstaufens. Um ein freundlicheres, helleres Bild zu schaffen, wird dem rötlichen Granitstein jedoch ein warm-beiger Granit beigemischt. Dabei wird für die Passagen und die Plätze ein unterschiedliches Mischungsverhältnis angewandt, sodass sich die Plätze als hellere Flächen von den Passagen- und Wegeflächen abzeichnen. Gerahmt werden die Plätze von Plattenbändern und Stufen aus hellem Granit. Verlegt als römischer Verband mit unterschiedlich großen, allseits gesägten Steinen, entsteht ein lebendiger Belagsteppich, der trotz der kleinen Steingröße gut begehbar ist. Die Führungslinie für Sehbehinderte wird wegen der kleinen Steingröße und ungebundenen Bauweise nicht in den Belag gefräst, sondern als u-förmiges Stahlprofil verlegt, in welchem der Blindenstock leicht hindurchgleitet und nicht an Fugen hängen bleibt. Die Baumquartiere heben sich mit ihren rauen Steinkreisen aus gestocktem Granit von den gesägten Pflasteroberflächen ab. Für die Pflasterrinnen werden Plattenbänder auf Beton verlegt.

Vegetation, Nachhaltigkeit und Klimaanpassung

- Auch wenn für die Verfasser der Erhalt von Baumbestand Priorität besitzt, sieht der Entwurf, mit Ausnahme von zwei Bestandsbäumen, Fällungen und Ersatz- sowie zusätzliche Neupflanzungen vor. Dies lässt sich begründen mit der schlechten Vitalität der Bäume und den Eingriff in den Wurzelraum im Zuge der Höhenanpassungen und Belagsarbeiten, welcher die ohnehin geschädigten Bäume weiter schwächen würde. Um nachhaltig gesunde Bäume zu gewährleisten, wird deshalb vorgezogen, angemessen große Neupflanzungen in fachlich korrekten Baumquartieren vorzunehmen, die sich langfristig gut entwickeln können.
- Entsiegelung von Flächen und natürliche Verschattung durch Baumpflanzungen.
- Verwendung standortgerechter, klimaresilienter Bäume: Acer und Tilia in Sorten als Hochstämme orientieren sich am Bestand; ergänzt werden sie durch mehrstämmige Sophora japonica ‚Regent‘ und Fraxinus ornus. Beide wurden in einem Forschungsprojekt der Landesanstalt für Wein- und Gartenbau in Kempten bereits getestet und für die Region als gut geeignet bewertet.
- Die entsiegelten und begrünten Flächen werden mit einer artenreichen Staudenmischung bepflanzt, die Lebensraum für Kleintiere und Insekten bietet.
- Implementierung eines Wasserspiels am Rathausplatz zur Kühlung an heißen Sommertagen
- Verwendung von heimischem Naturstein aus dem Bayerischen Wald für Plattenbänder und Stufen, sowie als Beimischung zum rötlichen, jedoch nicht heimischen Granit (Skandinavien). Der im Ort bereits verwendete rote Granit aus China ist nach Aussage des Lieferanten nicht mehr verfügbar.

Entwässerungskonzept

Die Entwässerung der Belagsflächen erfolgt über Plattenrinnen, Kastenrinnen und Straßeneinläufe. Wo möglich wird die Lage der bestehenden Entwässerungspunkte beibehalten oder nur geringfügig verschoben. Auf bepflanzte Versickerungsmulden wird aufgrund des hohen Salzeinsatzes im Winter verzichtet, jedoch steht die Option im Raum die in der Kirchen-Passage situierten Pflanzflächen für einen temporären Rückstau und Versickerung sowie Evapotranspiration zu nutzen, sofern sich das Salzstreuverhalten in der Kommune ändern sollte.

Erschließung und Veranstaltungen

Die Flächen werden so bespielt, dass sowohl die Durchfahrung mit Feuerwehr, Liefer- und Rettungsfahrzeugen möglich ist. Auch die privaten Stellplätze am Kirchplatz 4 können weiterhin erreicht werden. Bei Veranstaltungen gibt es zahlreiche Möglichkeiten die Marktstände zu platzieren (siehe Pikto). Fahrradanlehnbügel werden dezentral an den Zugängen zur Fußgängerzone platziert. Am unteren Rathausplatz wird eine neue Überdachung in die Gestaltung eingebunden.